„Ich bewerte ein Buch ja auch nicht nach seinem Umschlag“ – Oder?

Immer wieder finde ich es interessant die verschiedenen Ausgaben eines Buches miteinander zu vergleichen.  Es ist bemerkenswert wie unterschiedlich von Land zu Land, von Verlag zu Verlag, von Jahrzehnt zu Jahrzehnt Bücher gestaltet und vermarktet werden. Der Inhalt bleibt weitestgehend der gleiche, manchmal gibt es Modernisierungen im Ausdruck, zugegeben. Auch die Übersetzung ist immer prägend und es wird manchmal sparsam, manchmal aber auch wild gekürzt. Aber die Variationen und Eingriffe sind nicht so stark auf den ersten Blick ersichtlich, wie bei der Wahl der Gestaltung oder des Titels bei Übersetzungen oder Neuauflagen.

Erstaunlich fand ich beispielsweise die Titel- und Cover-Wahl von Stieg Larssons Millenium-Trilogie in Deutschland. Während der Titel des ersten Bandes im Schwedischen „Männer die Frauen hassen“ heißt  und der zweite Teil „Das Mädchen mit dem Drachen-Tattoo“ (keine schlechten Titel!) beschloss der Hyne-Verlag den Büchern in Deutschland lieber völlig nichtssagende und unpassende Namen zu geben: „Verblendung“, „Verdammnis“, „Vergebung“. Wow, wir haben eine Alliteration! Beeindruckend oder auch eben nicht.  Die Originaltitel hätten auf jeden Fall meine Neugier geweckt, aber die drei „V’s“ taten es zunächst nicht. Und da sie schlicht und ergreifend nicht zum Inhalt passen, konnte ich mir auch nachdem ich sie gelesen habe lange Zeit nicht merken, welches das erste oder dritte Buch der Reihe ist. Es frustriert mich immer ein wenig wenn Buchinhalt und Titel in keinem Bezug zueinanderstehen.  Auch verstehe ich nicht, warum auf dem deutschen Cover seltsame Steinfiguren abgebildet sind. Was soll das?  Ehrlich gesagt, hätte ich diese Bücher aufgrund des Titels und der Gestaltung wohl niemals in die Hand genommen, wenn mir nicht jemand ins Ohr geflüstert hätte: „Es geht vor allem um Lisbeth, du wirst diese mürrische und taughe Hackerin mögen.“ Und das stimmte. Und fast hätte ich sie nicht „kennengelernt“ – nur weil man sich dafür entschied, die Bücher so zu gestalten und zu benennen, wie man es wohl von einem „klassischen Krimi/Thriller“(was das Buch nicht ist) heutzutage erwartet.

Besonders freie Übersetzung bei der Wahl des Titels kann auch zu “ewigen” Missverständnissen führen. Mir ging es so mit dem polnischen Titel des Buches  “Anne of Green Gables” von Lucy Maud Montgomery. “Green Gables” ist der Name des Hauses in dem die Protagonistin Anne Shirley, eine Waise, ein Zuhause findet. Es heißt so, weil die Giebel des Hauses offenbar grün sind. Tja, in Polen ist das Buch bekannt als  „Ania z Zielonego Wzgorza“, was so viel heißt wie „Anne vom grünen Hügel“. Meine ganze Jugend nahm ich an, dass meine geliebte Anne mit den roten Haaren in einem Haus auf einem grünen Hügel wohnt, grüne Giebel tauchten in meiner Vorstellung des Hauses gar nicht erst auf. Natürlich ist das nicht dramatisch und die Geschichte dadurch nicht schlechter, aber es entspricht wohl kaum der Intention von Mrs. Montogomery, die ja eine Vorstellung von dem Haus im Kopf hatte und sie an die Leser weitergeben wollte.

Vorletztes Jahr kaufte ich mir das Comic-Buch „Marzi“ von Sylvain Savoia (Illustrationen) und Marzena Sowa (Story).  Marzena Sowa ist in den 80er Jahren in Polen aufgewachsen und hat die Kuriositäten des Alltags im kommunistischen Polen sowie die politischen Umbrüche erlebt. In dem Buch „Marzi“ geht es um ihre kindliche Sicht auf diese Zeit, die für manch einen wie eine fremde Welt wirken muss.  Ich habe an der Gestaltung der deutschen Ausgabe des Panini Verlags absolut nichts zu meckern, allerdings fiel mir, als ich in Polen die polnische Ausgabe der Fortsetzung des Buches kaufte, ein sehr großer Unterschied bei der Farbwahl der Bilder auf. Während die polnische Ausgabe in hellen und leuchtenden Farben gestaltet ist, war es als hätte jemand über die deutsche Ausgabe einen Grauschleier gelegt. Ich fragte mich warum. Ob man in Deutschland vielleicht das Graue der polnischen Realität in den 80ern betonen wollte? Rätselhaft.  Dann fand ich im Netz ein Interview mit  Marzena Sowa, die darin erklärt, dass die „farbenfrohe“, französische Originalausgabe für ausländische Verleger nicht wie eine „wahre Geschichte“ aussah, sondern wie ein eher harmloses Buch für Kinder. Um ihr daher einen ernsthaften „Graphic Novel“-Touch zu geben, wurde an der Farbwahl „gebastelt“. Auf der deutschen Ausgabe des Panini-Verlags wurde sogar noch ein „Graphic Novel“-Aufkleber platziert, wie um diese These noch einmal zu unterstreichen. Dennoch, auch wenn es ein wenig viel erscheinen mag, ich finde die Entscheidung sehr nachvollziehbar und ich glaube, dass viele Graphic Novel-Leser das Buch in der „farbenfrohen“ Variante  tatsächlich nicht in die Hand genommen hätten.  Also, ein Hoch auf die Vielfalt in der Gestaltung. Manchmal geht das daneben, manchmal geht das gut, aber immer lässt es sich herrlich darüber diskutieren.

      Marzi

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