„Mommy, I can see Poland.“

„Mommy, I can see Poland“, ruft das Kind aufgeregt hinter mir aus, wärend das Flugzeug seinen Landeanflug auf Posen startet. Ich muss schmunzeln und sehe hinab auf die Stadt, kann ihren Marktplatz aus der Vogelperspektive sehen. Die Gebäude sehen aus wie aneinander gereihte Häuschen aus dem Monopoly-Spiel.

Obwohl ich sie bis zu diesem Tag noch nie zuvor gesehen habe, weiß ich, dass um 12 Uhr Mittags die „Koziołki“, zwei Ziegenböcke sich am Türchen des Rathauses blicken lassen werden, um dann im Takt der Glocke mit ihren Hörnern gegeneinander zu stoßen, 12 Mal. Sofort denke ich an „Koziołek Matołek“, den Helden eines berühmten polnischen Kinderbuches, einen Ziegenbock der die Stadt Pacanow finden möchte, die einzige Stadt von der es heißt, dass dort auch Ziegen behuft werden. Ich habe vergessen, warum ihm das so wichtig war, aber ich erinnere mich daran, wie ich beim Lesen als Kind mit meinen Augen von Reim zu Reim gehüpft bin und den weißen Zigenbock mit der roten Hose, den Farben der polnischen Flagge, bei seinen haarsträubenden Abenteuern begleitete.

  Pozen

Polnische Küche

In Posen angekommen, kann ich in der farbenfrohen Altstadt an keiner Buchhandlung vorbeigehen, ohne „nur mal kurz“ reinzuschauen. Ich entdecke in den Regalen so viele Bücher, die mich sofort an meine Kindheit erinnern, z.B. polnische Comics, wie den mystischen „Thorgal“ oder „Tytus, Romek i A’Tomek„, die herrlich absurden Abenteuer zweier Pfadfinder und ihres Affen. Ich entdeckte auch vier Sammelbänder mit augewählten Geschichten aus der Reihe „Poczytaj mi mamo“ („Lies mir vor, Mama“). Dabei handelte es sich um kleine, schmale, viereckige Bücher für Leseanfäger mit abwechslungsreichen Illustrationen und kurzen Geschichten von meist polnischen Autoren. Meine Schwester und ich wurden die kleinen Büchlein, von denen wir bald eine stattliche Sammlung besaßen, niemals müde. Die Geschichten vom kleinen Igel „Kolczatek“, der für den Winter ein Zuhause sucht, dem eingebildeten Löffelchen oder dem gezeichneten Mädchen von Seite 10 im Heft des kleinen Szymek, dass während der Nacht die Gegend erkundet, haben einen tiefen Abdruck in meinem Gedächtnis hinterlassen. Meine Mutter brachte mir und meiner Schwester diese Bücher von den langen Einkaufstreifzügen mit, in denen man während der 80er Jahre gewöhlich in Polen in endlosenen Schlangen stand und wartete und wartete und wartete und hoffe, dass wenn man an der Reihe sein würde noch irgendetwas Brauchbares im Regal zu finden wäre. Über dieses Mitbringsel haben wir uns immer gefreut.

Ich entdecke auch Jan Bzechwa und Julian Tuwim, geniale Dichter von Kinderversen, die ich auswendig kannte und deren Sprachrhythmus, Lautmalerei und Wortwitz so lebendig und so polnisch sind, dass der Versuch einer adäquaten Übersetzung ins Deutsche zum Scheitern verurteilt ist.

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Jemielnica

Ein paar Tage später, nach einer rauschenden, polnischen Feier voller Tanz, reise ich weiter, zu meinem „Pokoik“, Zimmerchen, zum alten Elternhaus in Oberschlesien. Über löchrige Landstraßen, ohne ausreichende Beschilderung und grüne, saftige Felder. Ich atme die frische Luft der Kindheit und esse weißen Frischkäse mit Zucker zum Frühstück, wie früher. Abends beim Grillen mit der Familie stechen mich jede Menge fieser „Kopruchy“, Stechmücken. Meine Beine sind übersät mit dicken Bommeln. Wir lachen, machen Witze, erzählen, die Bierflaschen klonken zum Wohl aneinander. „Na zdrowie!“ Auf die Gesundheit!  Der Sternenhimmel über uns ist so klar und so unglaublich unendlich, wie ich ihn in Frankfurt noch nie zu sehen bekommen habe. Ich kann sogar die Milchstraße erkennen. Am Ende der Reise sagt mein Onkel: „Schön, dass ihr da wart. Aber jetzt geht mal alle wieder.“ Und wir brechen alle in schallendes Gelächter aus.

Das Flugzeug aus Kattowitz hebt ab, landet, alles ist so schnell vorbei. Nun bin ich wieder hier in Frankfurt und fühle mich doch noch nicht ganz angekommen. Ich sehne mich nach dem tiefen Schlaf, dem merkwürdigschönen polnisch-deutsch-schlesischen Mischmasch, der in meiner Familie gesprochen wird, als hätten wir eine eigene Geheimsprache. Nach dem Geruch der polnischen Wurst, „Kiełbasa“, die auf dem Grill liegt, während einer warmen Sommernacht. Ich vermisse, das  „Serdecznie zapraszamy“ („Herzlich willkommen …“) meiner Oma und ihre Augen, die trotz Blindheit, wie das blaue Meer an einem Sommertag, leuchten.

Rocko Schamoni hat mal gesungen: „Du trägst Dein Dorf immer mit Dir rum.“ Ich weiß plötzlich was er meint. Ich bin hier, aber meine Gedanken klammern sich noch an die letzten Tage und wollen sie noch nicht loslassen. Also schließe ich die Augen. Ich sehe meine Familie. Ich sehe mein Dorf, die Wolken die sich im Teich vor der Kirche spiegeln, den grau-braunen Putz an alten Häusern. Ich kann Polen sehen. Ich kann mein Polen sehen. Ich trage es mit mir rum.

Teich Jemielnica

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