Menschen im Bahnhofsviertel. Fotografien von Ulrich Mattner

Was prägt einen Stadtteil? Was bestimmt seinen Charakter? Die Antworten können sehr vielfältig ausfallen: Das Gesicht eines Stadtteils formt sich durch seine Geschichte, seine Architektur, seine kulturellen Räume, Kneipen, Restaurants, Parks, seinen Ruf – aber vor allem durch die Menschen, die vor Ort leben und arbeiten.

Der Fotograf und Journalist Ulrich Mattner lebt seit 6 Jahren im Frankfurter Bahnhofsviertel. Seine Fotoausstellung „Menschen im Bahnhofsviertel“ in der Kaiserpassage zeigt aktuell eine Auswahl seiner Porträts von Persönlichkeiten aus diesem „Milieu der Kontraste“. Die grobkörnigen Schwarz-Weiß-Fotografien sind spontane Momentaufnahmen, stark und authentisch. Von der Stripperin bis zum Türsteher, von lokalen Händlern bis zu einer Bettlerin – man spürt, dass sich hinter jedem Bild eine Geschichte verbirgt und der Betrachter ihr zumindest einen Wimpernschlag lang lauschen darf.

(c) Ulrich Mattner, Menschen im Bahnhofsviertel

©Ulrich Mattner

Die Ausstellung ist als eine Street-Gallery mitten im Kiez gestaltet. Bei einem Rundgang durch die Kaiserpassage, einer aus den 1970er Jahren stammenden Einkaufspassage, die die Kaiser- mit der Taunusstrasse verbindet, stößt man direkt auf die meist in Vitrinen hängenden 33 Fotografien.
Ulrich Mattner bietet übrigens auch sehr spannende Touren durch das Bahnhofsviertel an. Ich habe selbst schon an einer teilgenommen und kann es wirklich sehr empfehlen.

Die Ausstellung „Menschen im Bahnhofsviertel“ wird noch bis zum 25. März 2016 in der Kaiserpassage (Kaiserstraße 62) zu sehen sein. Sie ist täglich, außer sonntags, von 9-20 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist frei.

Eine Nacht im Bahnhofsviertel

Eine Winternacht in Frankfurt. Die Wolkenkratzer sind in Nebel getaucht. Die Turmspitzen mit vereinzelt erleuchteten Fenstern, sehen aus wie eine halb verwischte Radierung. Eine Nacht, wie gemacht für Abenteuer, wie gemacht um die Stadt zu erobern. Es ist Dienstag. Aber kein Dienstag wie jeder andere.

Bahnhofsviertel, 20 Uhr. Wir ziehen los. Noch nicht ahnend, dass wir heute „a night to remember“ erleben werden. Erst einmal schnell vorbeigeschaut im Frankfurter Hostel, im engen Aufzug hoch ins Café gefahren. Dort eine Stimmung wie im Turm von Babel, so viele Sprachen, so viele Nationalitäten und Pasta „for free“ so viel man will. Ich liebe es, die Atmosphäre des Ankommens und Abreisens. Möchte am liebsten sofort jemand in ein Gespräch verwickeln und hören was ihn nach Frankfurt verschlagen hat  aber es geht weiter ins „My Way“ – irgendetwas zwischen klassischer Bar und Animier-Lokal. Hier zahlen Männer viel Geld für die Getränke der Damen, die hier arbeiten, für Tanz, ein offenes Ohr und Schmeichelei. Streicheleinheiten fürs Ego. Ob ernstgemeint oder eben auch nicht. Ihr „Happy End“ bekommen sie hier nicht.

Wir ziehen weiter, hastig an anderen Animier-Bars vorbei, dem „Moulin Rouge“, dem „Frankfurt Corner“. Nur ein kurzer Blick hinein. Schummriges rotes Licht, mit Vorhängen bestückte Separees, die bestimmt schon einiges gesehen haben. Noch ist nichts los. Eine fremde Welt.

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Plötzlich stehen wir vor dem Club „Orange Peel“. Der Eingangsbereich ist mit einem spektakulären Kraken-Graffiti geschmückt. Nichts wie rein! Es ist Blues-Time! Auf der Bühne Thommie Harris & Friends. Die Stimmung und die Musik reißen mich sofort mit. Das Leben ist für einen Moment genau so, wie es sein sollte, insbesondere an einem Dienstagabend! Ich habe das Gefühl in New York zu sein.  Und das nur ein paar U-Bahn Stationen von meiner Wohnung entfernt. Was für eine süße Frucht sich hinter der Orangenschale verbirgt. Ich komme wieder, versprochen.

Weiter geht’s, die Nacht ist jung und das Bahnhofsviertel voller Möglichkeiten. Wir schauen vorbei im neuen Restaurant „Maxie Eisen“, es ist voll mit jungen, alten, interessant aussehenden Menschen die sich z.B. leckere Pastrami-Sandwiches schmecken lassen. Dann im „Plank“ von DJ Ata  und im „Livity“ einem grandiosen Mix aus Bar, Bistro und … ernsthaft: Beauty Salon. Neben einer Riesenofenkartoffel mit diversen Beilagen wie Chilli con Carne, Matjes und wer weiß was noch allem gibt es Drinks und Cocktails in allen Regenbogenfarben. Wer sich danach gerne die Nägel  machen lassen möchte oder die Augenbrauen zupfen, der muss das Lokal nicht verlassen, sondern nur den Raum wechseln. Der Besitzer Faruk serviert uns strahlend eins von den bunten Zaubergetränken. Und während ich das süße „Irgendwas“ schlucke setze ich das „Livity“ im Geiste gleich mit auf die „Unbedingt wiederkommen!“-Liste.

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Dann wird’s verrucht, denn wir steuern das „Pik Dame“ an. Das „Pik Dame“ ist ein ganz besonderer Nachtclub und hat viele Gesichter.  Mal Theater, mal eine aus allen Nähten platzende Partylocation und eben auch Strip-Lokal. Schon als ich das erste Mal da war (an einem „normalen“ Partyabend), staunte ich nicht schlecht, dass sich in Frankfurt so ein ungewöhnlicher Ort wie das „Pik Dame“ verbirgt. Eine Kasse wie aus einer anderen Zeit, mit kleinem runden Fensterchen, drinnen rotes Licht, plüschige Sitze und Separees mit roten dicken Vorhängen, zwei etwas abgewetzte Holzpferdchen, die aussehen als wären sie vom Karussell geflohen, um mal was anders zu sehen und dann über Umwege im „Pik Dame“ gelandet. Sie passen einerseits gar nicht und andererseits perfekt in diesen roten Ort. Ein etwas groteskes Bild von einer äußerst korpulenten Nackten ragt im goldenen Rahmen über dem DJ Pult. Die schummrige Bühne wird durch dezente Lichter in allen Farben angeleuchtet. „Joe Le Taxi“ erklingt und eine blonde Frau um die 40, tänzelt ein wenig ungeschickt auf der Bühne und entkleidet sich langsam. Es ist ein merkwürdiges Gefühl ihr dabei zuzusehen. Zum einen vereinnahmt mich die Atmosphäre dieses Ortes völlig. Es ist als wäre ich in der Zeit gereist, als wäre ich plötzlich in einem alten Film Noir, doch der Tanz der Tänzerin hat etwas Trauriges und Irritierendes. Es fällt mir schwer zu glauben, dass ich tatsächlich selbst Teil dieses Szenarios bin. Ich will nicht voreingenommen sein. Was weiß ich von der Geschichte der Tänzerin! Vielleicht liebt sie was sie tut, vielleicht hasst sie es.  Ich kann es nicht sagen. Die Männer an der Bar bekommen auf jeden Fall glänzende Augen als sie ihre großen Brüste entblößt. Dass ihre Maße nicht perfekt sind, wie die der Mädchen in Hip Hop Videos, tut dem überhaupt kein Abbruch. Aber ich muss immer daran denken, wie sich das wohl für sie anfühlt. Demütigend? Wundervoll? Ich weiß es nicht. Ich werde es nie erfahren. Ich applaudiere ihr zu, auch wenn ich mich befremdet fühle. Es nicht zu tun, fände ich schlichtweg gemein.

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Die Nacht geht weiter, es passiert noch viel im Bahnhofsviertel. Tanzende Mädchen, einsame Männer, Crack-Junkies, die ihren Körper verkaufen, gefährlich aussehende Typen, die es mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit auch sind. Allein im riesigen Bordell „Crazy Sexy“, das schon von außen an der Neonbeleuchtung zu erkennen ist, arbeiten 600 Frauen. 600! Ziemlich viel dafür, dass man natürlich niemanden kennt, der dort hingeht. Am Eingang steht „Komm.“ Wir sind sicher nicht gemeint. Schnell weiter.

Das Bahnhofsviertel ist zweifellos eine „sündige Meile.“ Und das ist die harmloseste Art das auszudrücken. Das Viertel ist abstoßend und wegen des internationalen Flairs und einiger grandioser Locations anziehend und großartig zugleich. Eine Welt für sich. Teilweise eine sehr düstere Welt, eine Parallelwelt, aber auch eine im Umbruch und eine die viel mehr zu bieten hat als man meint. Mit schicken Neubauten und schäbigen Bruchbuden und wahren Perlen an Clubs und Bars. Nach dieser Nacht sehe ich das Bahnhofsviertel mit anderen Augen und doch ohne mir eine abschließende Meinung dazu bilden zu können. Meine Gefühle dafür sind so ambivalent wie das Viertel. Die Gegensätze sind einfach zu groß und zu verrückt. Was mir aber nun klar ist: Das Viertel ist oder kann so viel mehr sein als nur „Rotlicht“. Und es lohnt sich absolut sich auf das Abenteuer „Bahnhofsviertel“ einzulassen.

Almost home. Ferien in der eigenen Stadt

Im Film „Der Club der toten Dichter“ ermuntert der Lehrer John „Oh Captain, mein Captain“ Keating in einer Szene seine Schüler auf die Schultische zu steigen, um ihr Klassenzimmer, ihre Welt aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. „Gerade wenn man glaubt, etwas zu wissen, muss man es aus einer anderen Perspektive betrachten, selbst wenn es einem albern vorkommt oder unnötig erscheint. Man muss es versuchen“, sagt er.

Mit dieser Szene im Hinterkopf packte ich an einem schönen Oktober-Wochenende meinen Pyjama in den Koffer und bezog für eine Nacht ein Hotelzimmer im 25hours Hotel by Levi’s in Frankfurt. Das Hotel liegt im Bahnhofsviertel, nicht gerade eine meiner Lieblingsecken in der Stadt und genau deshalb wollte ich diesem Stadtteil eine zweite Chance geben. An der Rezeption wurde ich gefragt, ob ich eine gute Anreise hatte und musste ein wenig Schmunzeln beim Gedanken an die relativ kurze Fahrt mit der U-Bahn. „Ja, super“, antwortete ich nur und blieb ganz stur und albern in meiner „Ich bin hier nur zu Besuch“-Rolle.

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Das Hotel selbst ist wunderbar. Die Einrichtung der Zimmer in jedem Stockwerk stellt eine Hommage an ein bestimmtes Jahrzehnt dar. Ich landete im vierten Stock, also in den 60er Jahren. Die Wände jeansblau, die weißen Lampen rund und an der Wand ein Bild von Janis Joplin, die mir hinter ihrer großen runden Brille zulächelt. „Na bitte!“, dachte ich mir. Und fühlte mich gleich wohl.

Abends hörte ich mir ein bisschen die Band im hoteleigenen Restaurant IMA an. Hier wollte ich schon länger mal hin und habe es, wie man immer so schön sagt, nie geschafft. Es gefällt mir sehr und ich tröste mich wegen die vielleicht leider verpassten Nächte mit „Besser spät, als nie.“ Dann zog es mich raus. Dadurch, dass mein Ausgangspunkt in Frankfurt sich verändert hatte, wirkte sich das ganz selbstverständlich und automatisch auf meine Wege und meine zufälligen Ziele aus. Die Stadt wirkte vertraut und fremd zugleich. Hin und wieder dachte ich: „In dieser Straße war ich noch nie.“ Ich entdecke auf meinem Spaziergang Restaurants oder Bars, die ich noch nicht kannte, die ich aber auf Anhieb interessant fand und auch bahnhofsvierteltypische Orte, die ich auch in dieser Ausnahmenacht nicht näher erkunden wollte. Perspektivenwechsel hin oder her.

Am nächsten Morgen beim Frühstück schnappe ich Gesprächsfetzen von meinen Tischnachbarn auf,  die im schönsten wienerischen Dialekt von ihren nächtlichen Erfahrungen schwärmten. „Das Pik Dame ist ein geiler Club.“ „Ich war im Rockstar, ach nee Rockmarket! Auch super!“ Ihre Begeisterung gefiel mir. Ist Frankfurt wirklich so cool? Na, wenn sie es sagen, dann will ich ihnen das mal glauben. Ich meine natürlich: Ich hab’s schon immer gewusst!

Ich würde immer wieder Ferien in „meiner Stadt“ machen. Und ich weiß natürlich: Um dem vertrauten Wohnort eine neue Facette zu entlocken, muss man nicht zwangsläufig ins Hotel ziehen. Man könnte auch die Wohnung für ein Wochenende mit einer Freundin tauschen oder bewusst seine gewohnten Wege und Lokale hin und wieder verlassen, den Blick auch im Alltag öfter mal auf „scharf“ stellen. Dennoch macht der Einzug in ein Hotel einem den Perspektivenwechsel natürlich leichter. Genauso wie man auf einem Tisch stehend, auch sofort viel schneller begreift was dieser Herr Keating da eigentlich meint. Und jede Menge Spaß kann das natürlich auch machen. Daher: Whatever works.

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