Literarische Orte in Frankfurt: Deutsche Nationalbibliothek

Deutsche Nationalbibliothek

Deutsche Nationalbibliothek in Frankfurt am Main

Ein berühmtes Zitat von Jorge Luis Borges lautet: „Ich habe mir das Paradies immer wie eine große Bibliothek vorgestellt.“ Und so ein Stück von dem was er aus nachvollziehbaren Gründen „Paradies“ nannte, befindet sich im Frankfurter Nordend und trägt den Namen: Deutsche Nationalbibliothek. Millionen von Büchern lagern hier in den geschlossenen Magazinen unter der Erde, drei Stockwerke tief. Nahrung für die Wissenshungrigen, endlos viele Seiten gefüllt mit Informationen, Geschichten, dem prallen Leben, Sinn und Unsinn. Die Institution kommt mir wie ein kluger Drache vor, mit riesengroßer Brille auf der Nase, der den Wissensschatz des Landes in seiner unterirdischen Höhle bewahrt und beschützt, aber auch gerne mit anderen teilt. Vorausgesetzt es geschieht unter seinem wachsamen Blick, denn kein Exemplar verlässt das Gebäude. Ich finde, es ist Zeit sich diesen literarischen (aber nicht nur literarischen) Ort in Frankfurt etwas genauer anzuschauen.

Was ist die Deutsche Nationalbibliothek eigentlich genau?

Die Deutsche Nationalbibliothek ist anders als andere Bibliotheken. Sie ist nichts Geringeres als das „Gedächtnis der Nation“, mag es auch pathetisch klingen, und sie folgt einem gesetzlichen Auftrag. In der Broschüre der Bibliothek wird das so erläutert: „Die Deutsche Nationalbibliothek hat die Aufgabe, alle deutschen und deutschsprachigen Medienwerke in Schrift, Ton und Bild ab 1913 zu sammeln, dauerhaft zu archivieren, bibliographisch zu verzeichnen sowie der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.“ Dazu gehören im Detail:

  • in Deutschland veröffentlichte Medienwerke
  • im Ausland veröffentlichte deutschsprachige Medienwerke
  • im Ausland veröffentlichte Übersetzungen deutschsprachiger Medienwerke in andere Sprachen
  • im Ausland veröffentlichte fremdsprachige Medienwerke über Deutschland, so genannte Germanica
  • die zwischen 1933 und 1945 von deutschsprachigen Emigranten verfassten oder veröffentlichten Druckwerke.

Diese Kategorien umfassen nicht nur Bücher, Broschüren, Zeitschriften, Hochschulschriften und Karten sondern auch Tonträger, elektronische Publikationen, audiovisuelle Medien und Netzpublikationen. Jeder gewerbliche oder nicht gewerbliche Verleger in der Bundesrepublik Deutschland ist verpflichtet, von seinen Medienwerken zwei Pflichtexemplare kostenlos an die Deutsche Nationalbibliothek abzuliefern. Alle nicht in Deutschland veröffentlichten Werke werden als Geschenk, durch Tausch oder Kauf erworben. Gesammelt wird, was mehr als 5 Seiten Umfang hat und mindestens zehnmal gedruckt wurde.

Im Gegensatz zu gewöhnlichen Stadtbüchereien ist die Deutsche Nationalbibliothek eine Präsenzbibliothek. Die Bücher können also von jedem interessierten Bürger vorbestellt und in den Lesesälen gelesen und kopiert, aber nicht mit nach Hause genommen werden.

In diesem kurzen Video zum 100jährigen Jubiläum der Deutschen Nationalbibliothek erfährt man noch einmal mehr dazu:

 

Warum gibt es in Deutschland eigentlich zwei Nationalbibliotheken?

Die Deutsche Nationalbibliothek hat ihren Sitz an zwei Standorten: in Frankfurt am Main und in Leipzig. Gemeinsam umfassen sie 30 Millionen Medieneinheiten und es werden jedes Jahr ca. 1 Million mehr. Zunächst einmal wurde die Bibliothek in Leipzig gegründet und begann 1913 mit dem Sammeln aller Bücher aus Deutschland, die ab diesem Zeitpunkt erschienen sind. Die Deutsche Nationalbibliothek in Frankfurt wurde hingegen erst nach dem zweiten Weltkrieg (1947) ins Leben gerufen, aufgrund der Teilung des Landes – die Bibliothek in Leipzig übernahm fortan also die Aufgabe des Sammelns für die spätere DDR, die in Frankfurt für die Bundesrepublik Deutschland. In Frankfurt werden dann im Gegensatz zu Leipzig alle Medien ab 1945 gesammelt. Nach der Wiedervereinigung Deutschlands wurden auch die beiden Bibliotheken zu einer Institution vereinigt – sie blieben jedoch an zwei Standorten bestehen. Die Generaldirektorin der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig und Frankfurt ist übrigens seit 1999 erstmals eine Frau: Elisabeth Niggemann. (Mehr über sie kann man z.B. in diesem Interview in der FR erfahren.)

Seit 1997 befindet sich das Bibliotheksgebäude in Frankfurt in der Adickesalle 1. Der Neubau kostete 250 Millionen DM und wurde von den Stuttgarter Architekten Mete Arat, Hans-Dieter Kaiser und Gisela Kaiser entworfen.

Modell_Deutsche Nationalbibliothek

Modell des Neubaus der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt in der Eingangshalle

Wie kann ich Medien in der Nationalbibliothek bestellen?

Auf der Webseite der Deutschen Nationalbibliothek (www.dnb.de) kann man im Katalog nach Literatur suchen und diese anschließend bestellen. Die Werke werden von Mitarbeitern der Bibliothek im Magazin herausgesucht und können schließlich an der Bücherausgabe abgeholt und an einem der rund 300 Arbeitsplätze in Frankfurt eingesehen werden. In Frankfurt gibt es insgesamt drei große Lesesäle, den Hauptlesesaal, den Zeitschriftenlesesaal und den Multimediasaal. Die erste Abholung der Bücher sollte innerhalb von einer Woche nach der Bestellung erfolgen. Nach der ersten Einsichtnahme werden die Werke 14 Tage für den Besteller reserviert.

Zur Benutzung benötigt man einen gebührenpflichtigen Benutzerausweis und muss das 18. Lebensjahr vollendet haben. Den Ausweis erhält man gegen Vorlage eines gültigen Personalausweises oder Reisepasses an der Medienausleihe im Lesesaal. Eine Jahreskarte kostet aktuell 42,- Euro statt, eine Monatskarte 18,- Euro und ein Tagesticket 6,- Euro. Der Zugriff auf viele digitale Bestände ist aber auch über das Internet möglich.

Magazin_Deutsche Nationalbibliothek

Blick in das Magazin der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt

Wie gelange ich ins unterirdische Herz der Frankfurter Nationalbibliothek?

Die Deutsche Nationalbibliothek in Frankfurt bietet nicht nur immer wieder interessante Lesungen und Veranstaltungen an, sondern auch öffentliche Führungen. So kann man auch als „Normalsterblicher“ einen Blick in die faszinierenden Magazine unter der Erde erhaschen, so groß wie Fußballfelder, und erfährt nebenbei jede Menge Wissenswertes über die Bibliothek. Ich habe an einer Führung teilgenommen und kam mir vor wie Charlie in der Schokoladenfabrik – umherwandelnd in den verschlungenen Gängen, fasziniert von den ausgeklügelten Systemen zum Transport der Bücher innerhalb des Hauses und anderen Kuriositäten. Die Bücher in den Magazinen haben, so habe ich erfahren, eine sehr eigene Ordnung. Sie sind weder alphabetisch noch thematisch sortiert. So steht der Liebesroman gleichberechtigt neben dem Biologiebuch, die Reihenfolge allein bestimmt durch das Erscheinungsdatum bzw. den Erfassungszeitpunkt. Könnten Bücher sprechen, dann hätten sie hier Gelegenheit zu sehr vielfältigem Austausch.

Du willst Dir das auch mal anschauen? Kein Problem. An jedem ersten Mittwoch im Monat finden in Kooperation mit der Kulturothek Frankfurt öffentliche Führungen statt. Die nächsten Termine sind: 4. Oktober 2017, 11 Uhr / 1. November 2017, 15 Uhr / 6 Dezember 2017, 18 Uhr. Eine Anmeldung ist dafür nicht erforderlich. Treffpunkt ist der Eingangsbereich (Rotunde). Je Teilnehmer werden EUR 8,00 (ermäßigt EUR 6,00) berechnet. Auch im Rahmen der nahenden Frankfurter Buchmesse sind einige weitere Termine angekündigt.

Und wenn die Magazine irgendwann voll sind?

Die drei unterirdischen Magazingeschosse in Frankfurt haben insgesamt eine Fläche von ca. 31.000 Quadratkilometern und Platz für 18 Millionen Medien. Trotz dieser beeindruckenden Fläche, werden sie irgendwann – voraussichtlich 2040 – voll sein. In diesem Fall besteht die Option sie um 10.000 Quadratmeter der Tiefgarage zu erweitern. Auch die Fläche gegenüber der Bibliothek, auf der aktuell eine Tankstelle steht, wurde sich schon in weiser Voraussicht für einen Erweiterungsbau gesichert. Für die Zukunft ist also gesorgt. Der Drache kann beruhigt weiter über den immer größer werdenden Wissenschatz wachen.

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4 Gedanken zu “Literarische Orte in Frankfurt: Deutsche Nationalbibliothek

  1. Schön, wieder von dir zu lesen, liebe Anette (das war wohl Gedankenübertragung).
    Ein sehr informativer Beitrag, in dem aus jeder Zeile deine Liebe zu den Büchern spricht.
    Schöne Grüße
    Elisabeth

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