Paul Auster in Frankfurt oder Im Irrgarten von „4 3 2 1“

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Es war eine kalte Nacht im Februar im Frankfurter Nordend. Kurz vor Mitternacht schälte ich mich aus meinem Bett und warf mein Laptop an – ich hatte eine Mission. Ich wollte Tickets kaufen, aber nicht etwa für eine meiner Lieblingsbands, sondern für eine Lesung mit Paul Auster, dem genialen amerikanischen Schriftsteller, der am 15. März 2017 im Frankfurter Schauspielhaus sein Opus magnum „4 3 2 1“ präsentieren sollte. Ich wusste, der Vorverkauf würde um Punkt Mitternacht beginnen, für einen Moment erschien mir meine ganze Aktion ein wenig nerdhaft und das war sie im Grunde auch – aber auch ziemlich schlau, wie sich rausstellen sollte. Denn ein paar Tage später hörte ich im Radio, das die Tickets für Austers Lesung in Frankfurt innerhalb von Minuten ausverkauft gewesen waren und im Internet teilweise inzwischen zu horrenden Preisen verkauft wurden. Meins hat genau 24,- Euro gekostet und ich würde es für nichts in der Welt hergeben. Das stand fest.

Über das Buch „4 3 2 1“

„4 3 2 1“ stellt die Frage: „Was wäre wenn?“ und erzählt von vier unterschiedlichen Varianten des Lebens eines Mannes bis er ca. Mitte 20 ist (oder jünger). Im Mittelpunkt der Handlung steht Archie Ferguson, der im Amerika der 50er und 60er Jahre aufwächst, zu der gleichen Zeit, wie der inzwischen über 70-jährige Paul Auster. Über 1.200 Seiten hat dieses im doppelten Sinne große Buch und… obwohl ich das beim Kauf in der Buchhandlung noch nicht ganz geglaubt habe, keine Seite ist zu viel. Der Ausgangspunkt Archies ist immer gleich und wird im Kapitel 1.0 geschildert. Die Vorgeschichte seiner Großeltern und seiner Eltern ist unverändert und gilt für alle „Fergusons“. Das Kapitel endet mit der Geburt Archies und den Zeilen: „Ferguson war zur Welt gekommen, und für einige Sekunden nach dem Austritt aus dem Leib seiner Mutter war er der jüngste Mensch auf Erden.“ Das daraufhin folgende Gedankenspiel rund um Zufälle, die persönliche Suche nach Glück und Zeitgeschichte ist eine anregende und inspirierende Lektüre, die mich begeistert hat. So viel vorab.

Warum ich das Buch ein bisschen anders gelesen habe und es nicht bereut habe

Allerdings war für mich, die vom Autor intendierte Anordnung der Kapitel nicht – sagen wir – „lesefreundlich“ genug. Denn es wird nicht ein Leben nach dem anderen erzählt, sondern vier Leben werden in einzelne Phasen/Kapitel unterteilt und dann versetzt eingefügt, nach 1.1 (erste Phase des ersten Lebens) kommt 1.2 (erste Phase des zweiten Lebens), dann 1.3 (drittes Leben), dann 1.4, dann 2.1, 2.2 etc. Da Fergusons Anlagen jedoch die gleichen sind (er liebt Baseball, er interessiert sich für das Schreiben, er empfindet großes Verlangen nach Nähe und Sex) und es eher um bestimmte einschneidende Ereignisse, Feinheiten und Zufälle geht, die schließlich bewirken, dass er jeweils ganz unterschiedliche Lebenswege einschlägt, kam ich zugegebenermaßen zu Beginn immer wieder durcheinander, in welchen Leben nun was vorgefallen ist. Erschwerend kam hinzu, dass ich nur alle paar Tage zum Lesen kam und mir somit Notizen machen musste, um mir die Unterschiede zu merken. Es war als würde ich vier Bücher parallel lesen, bei denen die Figuren jedoch die gleichen Namen trugen.

Also entschied ich mich kurzerhand, dieses fabelhafte Buch anders zu lesen. Ein Leben nach dem anderen. Ich hüpfte von Kapitel 1.1 zu 2.1, dann zu 3.1, usw. So wie ich es wollte, nicht so wie Paul Auster es vorgesehen hat. Ich habe es nicht bereut, denn das gab mir die Möglichkeit mich auf die vier Leben der vier Fergusons, auf eins nach dem anderen, voll und ganz einzulassen und ich bin mir sicher, dass es mein Lesevergnügen nicht geschmälert, sondern nur erleichtert hat, auch wenn ich die Intention hinter der Idee des Autors verstehe. Ich höre schon empörte Schreie. „Lesefreundlichkeit“ bei Literatur! Abstrus! Ein Buch anders lesen als vom Autor vorgesehen! Pah. Sakrileg.

Zur Erklärung möchte ich sagen, dass ich dieses Buch schon nach wenigen Seiten liebte, ich wollte mich weder „durchkämpfen“, noch die Lektüre auf später verschieben, bis ich mehr Zeit hätte und mich voll und ganz auf die versetzte Art des Erzählens konzentrieren konnte. Die Idee des Buches bewegte mich zutiefst, denn auch ich habe schon oft gedanklich, wie sicher so viele, dass „Was-wäre-wenn-Gedankenkarussell“ durchlaufen und der Stil von Auster, seine Leidenschaft fürs Geschichtenerzählen zog mich sofort in den Bann. Ich wollte dieses Buch lesen und wusste so würde es für mich besser „funktionieren“. Und so wie ich der festen Überzeugung bin, dass ein Autor selbstverständlich alle Freiheit hat, ein Buch so zu gestalten wie er es möchte, spreche ich dieses Recht im puncto Leseprozess auch dem Leser zu. Lest wie ihr wollt, aber lest. Falls es also jemandem ähnlich geht und er bei diesem Buch nicht richtig „reinkommt“ obwohl es ihm gefällt, empfehle ich diese alternative Rezeptionsart. Denn inhaltlich kann man diesen wundervollen, berührenden und tiefsinnigen Betrachtungen der vier Leben ohne Probleme folgen. Paul Auster ist schließlich ein Meistererzähler.

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Über die Lesung: Paul Auster im Schauspielhaus Frankfurt

Nun wären wir also beim 15. März 2017 angekommen, dem Abend der Lesung. Ich gehe gerne und oft zu Lesungen, aber bei dieser lang eine besondere Spannung in der Luft als das gebannte Publikum im Saal des Schauspielhauses den großen Literaten Auster die Bühne betreten sah und fasziniert jeder seiner Antworten und der tiefen Stimme mit dem angenehmen Klang lauschte. Das mag pathetisch klingen und doch glaube ich, dass so mancher Anwesende es ebenso empfunden hat: Dieser Abend zählt. Fotos waren nicht erlaubt, was jedem die Möglichkeit lässt die Stimmung lediglich in seiner Erinnerung neu zu erleben. Mir gefiel das, da ich mich so voll und ganz auf die Lesung konzentrieren konnte.

Was diese besondere Atmosphäre an dem Abend auslöste, kann ich nur vermuten. Sicher hatte es mit dem einnehmenden Charisma des Autors zu tun, vielleicht auch mit der nicht so abwegigen Annahme, dass dies vielleicht die einzige Gelegenheit im Leben so manchen Fans sein würde, ihn tatsächlich zu „erleben“. Vielleicht war da auch noch mehr. Aufs Autobiographische ließ sich der Autor übrigens nicht festlegen. Im Gespräch mit Daniel Haas von der ZEIT,  beteuerte er das die vier Fergusons nicht er selbst seien und zitierte seine Frau Siri Hustvedt, der das Buch auch gewidmet ist: Schreiben sei die Erinnerung an Dinge die niemals stattgefunden haben. Der Roman „4 3 2 1“ sei zudem kein One-Night-Stand und keine Ehe, erwähnte Auster  – sondern eine lange Affäre.

Ich habe die Affäre mit dem Buch sehr genossen und darin auch viele interessante Zitate anderer Künstler und Intellektueller entdeckt. Eins das mich besonders beeindruckt hat, ist von Kenneth Rexroth (S. 696). Es lautet: „Gegen die Zerstörung der Welt gibt es nur eine Verteidigung: den kreativen Akt.“ Ein Satz wie ein Lichtblitz. Ich finde das kann man sich guten Gewissens als Leitgedanken ins Herz tätowieren.

4 3 2 1
von Paul Auster (Aus dem Englischen von Thomas Gunkel, Werner Schmitz, Karsten Singelmann und Nikolaus Stingl)
Rowohlt, Januar 2017
1259 Seiten
Hardcover
€ 29,95