„Chicago Kid in Frankfurt. Bekenntnisse einer Gangsterlegende“ von Astrid Keim

Chicago Kid in FrankfurtFrankfurt in den 1950er Jahren. Die Barszene florierte. Im „Barbarina“ trafen sich schwule Männer, im „Globetrotter“ schlugen sich exaltierte Künstler, Journalisten und verkrachte Existenzen die Nächte um die Ohren und in der „Roten Katz“ begegnete Marianne Bechthold im Alter von 25 Jahren ihrer damals große Liebe Madlen Lorei, Polizeireporterin bei der Nachtausgabe. Die beiden Frauen wurden ein Paar.

Marianne, im Wein- und Spirituosenhandel tätig, verdiente sich nebenbei etwas, indem sie in der Kneipenszene Hintergrundinformationen für Madlens Geschichten an Land zog. Als die Polizeireporterin eines Tages einen telefonischen Tipp erhielt, witterten die beiden Frauen eine Sensationsstory. Eine Gangstergröße aus Amerika, angeblich ein ehemaliger Kompagnon von Al Capone, sei im „Frankfurter Hof“ abgestiegen und benötige ein Diktiergerät. „Geh hin, besorg ihm was er will und krieg raus, was er vorhat“, beauftragte Madlen ihre Geliebte.

Geschicktes Vorgehen war gefragt. Denn es hieß der Gangster empfange niemals Journalisten, es sei denn mit einem Hammer in der Hand. Marianne, die in ihrem späteren Leben am liebsten Männeranzüge trug, betrat mit knallroten Lippen und einer neuen Dauerwelle den „Frankfurter Hof“. Empfangen wurde sie von einem hageren Mann im maßgeschneiderten Anzug, jenseits der 60, mit stechend grünen Augen, tiefer Stimme und martialischem Auftreten.

Marianne gewann mit ihrer einnehmenden Persönlichkeit das Vertrauen des gealterten Kriminellen und Lebemanns, der von sich behauptete so viele Namen wie Haare auf dem Kopf zu haben. Für Antonio Navarro-Fernandez alias „Chicago Kid“ alias „Tiger Kid“ alias Alexander Sikowsky, verlor das Diktiergerät schnell an Bedeutung. Er verlangte jedoch, den Namen des Tippgebers zu erfahren. Und so wurde der Informant, der sich als illoyaler Chauffeur des Gangsters entpuppte, kurzerhand gefeuert und Marianne übernahm den Job. Von nun an chauffierte sie die mutmaßliche Gangsterlegende in seinem schwarzen Packard-Cabrio mit roten Ledersitzen, durch die Straßen Frankfurts und erledigte außerdem Besorgungen aller Art für ihn. Bei den zahlreichen Ausflügen ins Nachtleben, in denen geraucht, getrunken und erzählt wurde, vertraute der mysteriöse Mann, der sich durch Streetsmartness und Hang zu philosophischen Ausführungen auszeichnete, ihr und Madlen seine unglaubliche Lebensgeschichte an. Dabei versicherte er, sich schon lange aus den kriminellen Geschäften zurückgezogen zu haben.

Chicago Kid in Frankfurt_CollageGeboren in Vigo in Spanien als Halbwaise, träumte er von Amerika von dem Moment an, als er hörte, dort liege das Gold auf den Straßen. Um seine arme Mutter zu unterstützen, riss er daher als Kind aus und schloss sich zunächst einem Zirkus an, in dem er zum Schlangenmenschen ausgebildet wurde. Eine Behauptung, die für die beiden Frauen erklärte, warum er auch im hohen Alter mühelos die Beine hinter dem Kopf verschränken konnte.

Irgendwann in Liverpool angekommen, schmuggelte sich der damals noch kleine Junge auf ein Schiff nach New York. Dort gestrandet, gelang es dem inzwischen entdeckten „Kid“ sich aus der Hand des Polizisten zu entwinden, der ihn in Empfang genommen hat. Ausgerechnet in der berüchtigten Bowery Street fand er ein neues zu Hause. Im Lokal „Silberdollar“, in dessen Hinterzimmer der Gangster „Irishman“ seine Geschäfte machte, putzte „Kid“ zunächst die Tische, stieg dann zum „Vertrauensjungen“ des Bosses auf und übernahm schließlich als „Kid Tiger“ nach dessen Tod seinen Posten. Als „großer Fisch“ in den finsteren Gangstergefilden musste er schon bald fliehen und reiste um die Welt. Kriminelle Machenschaften und kurze Aufenthalte im Gefängnis bestimmten sein Leben. Dennoch habe er immer das Herz auf dem rechten Fleck gehabt und sich für Frauen, die ihm nahe standen, die Armen sowie bedürftige Kinder eingesetzt. Marianne wurde während seiner Zeit in Frankfurt Zeuge davon, als er sie damit beauftragte ein Kinderfest im Bad Homburger Waisenhaus zu organisieren, in dem er eine ergreifende Rede hielt und alle Wünsche der Kinder notieren ließ. Oder bei einer anderen Gelegenheit als er allen Häftlingen der U-Haft durch Marianne 400 Packungen Tabak überreichen ließ.

Den nächsten großen Coup seines Lebens landete er in den 1920er Jahren in Chicago. Die Prohibition habe einen reichen Mann aus ihm gemacht, verriet er. Der geheimnisvolle „Chicago Kid“, der weder schreiben noch lesen konnte, organisierte angeblich die Herstellung, den Vertrieb und Schmuggel von Whiskey, Bacardi und Rum und eröffnete sogennante „Flüsterbars“, in denen man illegal an Alkohol kam. Hierbei wurde laut seiner Erzählung Al Capone, den er zutiefst verachtete, zu seinem Kompagnon. Eines Tages kam es jedoch zum Streit und die Männer gingen getrennte Wege. „Chicago Kid“ war wieder auf der Flucht und zog von Land zu Land. Immer wieder kam er in Schwierigkeiten, unter Anderem, da ihm Ausweispapiere fehlten. Auch in Frankfurt kam die Ausländerpolizei ihm irgendwann auf die Spur und eine Abschiebung nach Frankreich drohte. Noch einmal gelang es ihm, mithilfe seines Anwalts von der Schippe zu springen und dank seiner Kontakte erwirkte er eine Einreiseerlaubnis nach Brasilien.

Hier endet die gemeinsame Geschichte von Marianne, Madlen und dem Mann mit den vielen Namen. Er verschwand so schnell, wie er gekommen war. Die Frage, wie es mit ihm weiter ging, bleibt unbeantwortet. Marianne und Madlen, die sich ihr ganzes Leben lang nahe standen, konnten nie abschließend für sich beantworten, welcher Teil seiner Erzählung Dichtung war und welcher der Wahrheit entsprach. War der große Gangster, dem sie begegnet waren, doch nur ein „kleiner Fisch“? Einiges spricht dafür, dass „Chicago Kid“ vielmehr ein geschickter Betrüger mit blühender Fantasie und polnischen Wurzeln als ein mächtiger Strippenzieher des kriminellen Milieus war. Gänzlich lässt sich sein Leben nicht rekonstruieren. Der Mann, der in hoch angesehenen Kreisen ein beliebter Gast war, bleibt ein Mysterium.

Aus der Sensationsstory für die Presse wurde nichts. Das Manuskript mit Madlens Aufzeichnungen zu „Chicago Kids“ Leben hat über 50 Jahre unveröffentlicht in einer Schublade überdauert und kam erst zum Lebensende von Marianne wieder ans Tageslicht. Astrid Keim hat die stets eigenwillige und offen lesbisch lebende 83-jährige Frankfurterin („Ich war immer lieber ein bunter Vogel als eine graue Maus.“) als Ehrenamtliche in den letzten Lebensmonaten begleitet und in Gesprächen von der Begegnung mit „Chicago Kid“ und den wilden 1950er Jahren in Frankfurt, erfahren. Sie bereitete die Geschichte gemeinsam mit Marianne auf und ergänzte sie mit eigenen Recherchen und zahlreichen Hintergrundinformationen. Kurz vor ihrem Tod stellte Marianne resümierend fest: „Was immer er auch getan hat, Madlen und mir wurde er ein echter Freund.“

Das Buch „Chicago Kid in Frankfurt. Bekenntnisse einer Gangsterlegende“ von Astrid Keim erschien 2010 im Frankfurter Societäts-Verlag. Marianne hat die Veröffentlichung nicht mehr miterlebt.

Chicago Kid in Frankfurt. Bekenntnisse einer Gangsterlegende
Astrid Keim
Societäts Verlag, 2010
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, vergriffen

Vielen Dank an die Autorin für das spannende Gespräch und die Erlaubnis die Fotos  zu verwenden.

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