„Mitten unter uns“. Ein Kunstprojekt gegen das Vergessen.

„Mitten in einer solchen Stadt wie Frankfurt! Und in diesem Stadtzentrum haben weder ich noch einer meiner Kameraden je das Sonnenlicht gesehen. Wir sind dort nur zwischen den Hallen entlang getrieben worden, von dort, wo wir schliefen, hat man uns eine Etage tiefer getrieben, wo wir gearbeitet haben, und später wieder zurück.“ – Zitat von Wladyslaw Jarocki, ehemaliger Gefangener des KZ „Katzbach“ in Frankfurt am Main

Gestreifte Stoffbinden an den Bäumen.
Im Frühling dieses Jahres fielen mir die gestreiften Stoffbinden das erste Mal im Stadtbild auf. Ich traf mich mit einer Freundin in der Innenstadt und war zunächst irritiert. Die Binden, die um die Bäume auf der Zeil gebunden waren, weckten in mir sofort Assoziationen an KZ-Häftlingsuniformen, Mord, Grausamkeit. Ich fragte mich, was es mit den polnischen Namen und den Nummern, die auf den Stoff aufgenäht sind, auf sich hat. Ich sah sie mir genauer an, fotografierte einen darauf abgebildeten Link, um mich später näher zu informieren und bemerkte den Verweis auf die Adlerwerke in Frankfurt. Meine Freundin stieß zu mir und wusste sofort Antwort: „In Frankfurt war ein KZ – in den Adlerwerken“, sagte sie. „In Frankfurt? Ein KZ? Das wusste ich nicht“, war meine schockierte Antwort. Zu Hause recherchierte ich im Netz und ging auch in der Bibliothek auf die Suche nach Informationen.

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Das Projekt „Mitten unter uns“.
Bei den Stoffbinden, die um die Bäume auf der Zeil, dem Museumsufer und im Gallus, drapiert sind, handelt es sich um ein Kunstprojekt von Stefanie Grohs zum Gedenken an die ehemaligen Häftlinge des KZ-Außenlagers „Katzbach“, dass sich in den Adlerwerken im Gallusviertel befand. Das Projekt heißt „Mitten unter uns“, denn mitten in der Stadt geschah vor 70 Jahren das Unsagbare und geriet dann in der Öffentlichkeit weitestgehend wieder in Vergessenheit. Umso wichtiger ist die respektvolle, kluge und aufsehenerregende Aktion von Stefanie Grohs, die mich sehr berührt hat und mich auf dieses dunkle Kapitel in der Geschichte der Adlerwerke und Frankfurts überhaupt aufmerksam gemacht hat.

Insgesamt 1.600 Stoffbinden, die Stefanie Grohs gemeinsam mit Helfern in der Stadt befestigt hat, erinnern nun an die rund 1.600 männlichen Gefangenen, die zwischen September 1944 und März 1945 in das Lager in den Adlerwerken deportiert wurden. Die Stoffbinden machen die Häftlinge symbolisch „sichtbar“. Auf der Aktionsseite heißt es, die Stoffbinden verbleiben an den Bäumen „etwa sieben Monate und erinnern somit auch an den Zeitraum, in dem das Außenlager damals existierte. Bäume sind stille Zeitzeugen, die vieles ‚gesehen‘ haben und es dennoch nicht erzählen können. Durch die Stoffbinden werden sie zum indirekten Erzähler und zum Träger dieser schweren Geschichte.“

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Das KZ „Katzbach“ in den Adlerwerken in Frankfurt.
„Katzbach“ war eins der schlimmsten Konzentrationslager in Hessen und ein Arbeits- und Todeslager. Nur 56 der Häftlinge konnten nach Kriegsende nach Hause kehren. Die meisten Gefangenen waren Polen, die am Warschauer Aufstand beteiligt waren und in den Adlerwerken unter menschenunwürdigen Bedingungen schwerste Arbeit verrichten mussten. Eine Arbeit, die die Häftlinge systematisch vernichten sollte. Dazu katastrophale hygienische Bedingungen, Läuse, unendlicher Hunger, Kälte, seelische und körperliche Gewalt – Tag für Tag.

Die Adlerwerke wurden 1880 gegründet. Man produzierte dort anfangs Fahrräder und Schreibmaschinen, später PKWs und im Zweiten Weltkrieg ging man im großen Ausmaß zur Rüstungsproduktion über. Sie waren zu dieser Zeit Europas größte Fabrik für Schützenpanzerfahrzeuge. Das Unternehmen hatte einen Vertrag mit der SS abgeschlossen, der ihnen das Anrecht sicherte, im KZ Dachau Menschen für die Arbeit zu selektieren. Der damalige Vorstand und Aufsichtsrat der Adlerwerke wurde niemals vor Gericht gestellt.

Orte der Erinnerung heute.
An den Adlerwerken erinnert nur eine kleine Gedenktafel an die Ereignisse. Auf dem Frankfurter Hauptfriedhof befindet sich außerdem eine Grabstätte, in der 518 der Häftlinge begraben worden sind. Weitere Häftlinge sind auf den Todesmärschen und bei den Zugtransporten umgekommen. Eine Gedenkstätte gibt es nicht, was das Projekt von Stefanie Grohs nur umso wichtiger macht.

Späte Aufarbeitung der Geschichte.
Die Aufarbeitung der Ereignisse in der Öffentlichkeit begann erst sehr spät. Ende der 1980 Jahre versuchten die Privathistoriker Ernst Kaiser und Michael Knorn mit Schülern die Kriegsvergangenheit der Adlerwerke zu ergründen. Sie fanden heraus, dass sich neben dem Lager für Zwangsarbeiter seit September 1944 auch ein Außenlager des KZ Netzweiler, dass unter dem Decknamen „Katzbach“ geführt wurde, auf dem Gelände der Adlerwerke befand. Eine schockierende Entdeckung. Sie machten sich auf die Suche nach Überlebenden. Nach intensiver Forschungsarbeit erschien 1994 im Campus-Verlag ihr Buch: „Wir lebten und schliefen zwischen den Toten. Rüstungsproduktion, Zwangsarbeit und Vernichtung in den Frankfurter Adlerwerken“, dass die Ereignisse erstmals einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht hat.

Der Verein Leben und Arbeiten im Gallus und in Griesheim (LAGG), der aus einer Betriebsinitiative bei Triumph Adler hervorgegangen ist, hat 1995 anlässlich des 50. Jahrestags der KZ-Evakuierung zu einer Demonstration aufgerufen, um durch diese und andere Aktionen, auf die Ereignisse aufmerksam zu machen und Entschädigung für die Überlebenden zu fordern.

Das wichtige und bewegenden Buch „Die letzten Zeugen. Gespräche mit Überlebenden des KZ-Außenlagers ‘Katzbach‘ in den Adlerwerken Frankfurt am Main“ von Joanna Skibinska, versammelt Interviews, die sie mit den letzten noch lebenden, ehemaligen Gefangenen geführt hat. Das Buch erschien 2005 im CoCon-Verlag. Das Zitat, dass ich meinen Blogbeitrag vorangestellt habe, stammt aus diesem Buch.

Die letzten Zeugen

Schändung der KZ-Gedenkbinden.
Mit einer Mischung aus Entsetzen und Wut las ich in den letzten Wochen immer wieder das Unbekannte die Stoffbinden der Aktion „Mitten unter uns“ runtergerissen oder durchgeschnitten haben. Über soziale Netzwerke fanden sich Freiwillige, die sie wieder angebracht haben. Bei einem Spaziergang sah ich ebenfalls einige Stoffbinden im Staub liegen und brachte sie ins Historische Museum. Anfang der Woche wurde jedenfalls ein 61-jähriger auf frischer Tat ertappt und von der Polizei festgenommen.

„Mitten unter uns“. Helfer gesucht!
Auf der Facebook-Seite der Aktion „Mitten unter uns“ informierte Stefanie Grohs diese Woche, dass sie noch Helfer braucht zum Aufhängen von weiteren Stoffbinden. Der Termin: Freitag, der 21. August 2015 um 17.00 Uhr. Der Treffpunkt ist am Eisernen Steg, Sachsenhausen. Im Posting heißt es: „Wer Zeit und Lust hat, möge kommen!“
Am 21. November 2015 findet die Abschlussveranstaltung der Installation „Mitten unter uns“ im Historischen Museum statt.

Mitten unter uns_Facebookaufruf