Blogparade: Jahresabschluss 2013

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Auf dem schönen Blog BuchSaiten entdeckte ich den Aufruf zur Blogparade, bei der Fragen zum persönlichen literarischen Jahresabschluss 2013 beantwortet werden können – das fünfte Jahr in Folge. Die Fragen gefallen mir und helfen mir außerdem den Bücherstapel dieses Jahres im Kopf zu ordnen. Also: Los geht’s! Ich bin sehr gerne dabei.

Übrigens ein schönes Wort: Blogparade. Das klingt nach in die Luft geworfenen Wort-Konfetti. Hier kommt mein Teil der kunterbunten Schnipsel:

Welches war das Buch in diesem Jahr, von dem ich mir wenig versprochen habe, dass mich dann aber doch positiv überrascht hat?

Bücher, von denen ich mir wenig verspreche, nehme ich eigentlich nicht in die Hand. Ich finde das Leben ist zu kurz für schlechte Bücher. Also muss ich in dem Moment in dem ich mich für das Buch entscheide erst einmal das Gefühl haben, es könnte mir gefallen. Dennoch hat man an manche Bücher natürlich höhere Erwartungen als an andere. Als ich damit begann das erste Buch der Reihe „Die Tribute von Panem“ von Suzanne Collins zu lesen, hoffte ich einfach nur auf spannende Unterhaltung. Doch ich bekam so viel mehr. Das Buch zog mich völlig in seinen Bann. Ich verschlang den ersten, zweiten und dritten Teil in Rekordzeit. Eine rebellische Heldin mit Ecken und Kanten, eine gut durchdachte Story, eine Dystopie at its best. Mein Favorit ist Teil zwei der Trilogie. Er raubte mir wirklich den Atem. Mein Tipp für die Wenigen, die es noch nicht kennen: Keinesfalls vom Cover abschrecken lassen oder gar davon, dass es unter den „Jugendbüchern“ in der Buchhandlung einsortiert ist, (das sich dort wahre Schätze finden, ist hoffentlich kein Geheimnis mehr): „Die Tribute von Panem“ sind ein absolut lesenswerter Pageturner und fern von jeglichem Twillight-Kitsch. Die Verfilmungen der ersten beiden Teile mit Jennifer Lawrance als Heldin Katniss Everdeen kann ich ebenfalls guten Gewissens weiterempfehlen.

Welches war das Buch in diesem Jahr, von dem ich mir viel versprochen habe, das mich dann aber negativ überrascht hat?

Vor zwei oder drei Jahren las ich das finnische Buch „Fegefeuer“ von Sofi Oksanen. Ein sehr schmerzhaftes, wichtiges, erschütterndes, genial geschriebenes, feministisches Buch, das lange nachhallt. Als ich Anfang 2013 in der Buchhandlung „Stalins Kühe“ von Sofi Oksanen entdeckte (ein früheres Werk der Autorin mit den lila Dreadlocks), musste ich es einfach mitnehmen. Ich erwartete natürlich, dass es gut werden würde. Und dann? Mühsam quälte ich mich durch 200 Seiten und ertappte mich dabei immer wieder nachzuschauen, wie viel ich noch vor mir habe. Mit der Hauptfigur konnte ich nichts anfangen, das Lesen wurde zur Qual und ich kapitulierte schließlich und legte es in den öffentlichen Bücherschrank um die Ecke. Vielleicht kann jemand anderes mehr damit anfangen.

Welches war meine persönliche Autoren-Neuentdeckung in diesem Jahr und warum?

Ganz klar: F. Scott Fitzgerald – weil ich „Der große Gatsby“ gelesen habe. Warum mir „Der große Gatsby“ von F. Scott Fitzgerald nicht schon früher in die Hände gefallen ist, kann ich mir eigentlich nicht erklären – nun gehört es aber tatsächlich zu meinen Lieblingsbüchern. Ich las die Geschichte gleich zwei Mal dieses Jahr. Auch den gleichnamigen Kinofilm von Baz Luhrmann konnte ich mir natürlich nicht entgehen lassen. Ich muss immer wieder über die Geschichte nachdenken. Immer wieder denke ich an Gatsby. „Mr. Gatsby, es war mir eine Freude einen so ungewöhnlichen Menschen wie sie kennenzulernen und Mr. Fitzgerald lassen Sie uns bitte in Kontakt bleiben. Ich möchte mehr von Ihnen erfahren.“

Welches war mein Lieblingscover in diesem Jahr und warum?

Das Cover von der Graphic Novel-Adaption von Stieg Larssons „Verblendung“. Ich finde Lisbeth Salander sieht auf dem Cover sensationell aus. Ich wünschte auch die Cover der tatsächlichen Romane von Stieg Larsson würde mehr in diese düstere Richtung gehen, die Lisbeth in den Fokus stellt.

Welches Buch will ich im 2014 unbedingt lesen und warum?

„Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“ von Haruki Murakami, das im Januar 2014 erscheint. Weil Murakami einer meiner Lieblingsautoren ist und ich mich darauf freue, seinen unverwechselbaren Erzählklang bald wieder im Ohr zu haben.

Eine Nacht im Bahnhofsviertel

Eine Winternacht in Frankfurt. Die Wolkenkratzer sind in Nebel getaucht. Die Turmspitzen mit vereinzelt erleuchteten Fenstern, sehen aus wie eine halb verwischte Radierung. Eine Nacht, wie gemacht für Abenteuer, wie gemacht um die Stadt zu erobern. Es ist Dienstag. Aber kein Dienstag wie jeder andere.

Bahnhofsviertel, 20 Uhr. Wir ziehen los. Noch nicht ahnend, dass wir heute „a night to remember“ erleben werden. Erst einmal schnell vorbeigeschaut im Frankfurter Hostel, im engen Aufzug hoch ins Café gefahren. Dort eine Stimmung wie im Turm von Babel, so viele Sprachen, so viele Nationalitäten und Pasta „for free“ so viel man will. Ich liebe es, die Atmosphäre des Ankommens und Abreisens. Möchte am liebsten sofort jemand in ein Gespräch verwickeln und hören was ihn nach Frankfurt verschlagen hat  aber es geht weiter ins „My Way“ – irgendetwas zwischen klassischer Bar und Animier-Lokal. Hier zahlen Männer viel Geld für die Getränke der Damen, die hier arbeiten, für Tanz, ein offenes Ohr und Schmeichelei. Streicheleinheiten fürs Ego. Ob ernstgemeint oder eben auch nicht. Ihr „Happy End“ bekommen sie hier nicht.

Wir ziehen weiter, hastig an anderen Animier-Bars vorbei, dem „Moulin Rouge“, dem „Frankfurt Corner“. Nur ein kurzer Blick hinein. Schummriges rotes Licht, mit Vorhängen bestückte Separees, die bestimmt schon einiges gesehen haben. Noch ist nichts los. Eine fremde Welt.

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Plötzlich stehen wir vor dem Club „Orange Peel“. Der Eingangsbereich ist mit einem spektakulären Kraken-Graffiti geschmückt. Nichts wie rein! Es ist Blues-Time! Auf der Bühne Thommie Harris & Friends. Die Stimmung und die Musik reißen mich sofort mit. Das Leben ist für einen Moment genau so, wie es sein sollte, insbesondere an einem Dienstagabend! Ich habe das Gefühl in New York zu sein.  Und das nur ein paar U-Bahn Stationen von meiner Wohnung entfernt. Was für eine süße Frucht sich hinter der Orangenschale verbirgt. Ich komme wieder, versprochen.

Weiter geht’s, die Nacht ist jung und das Bahnhofsviertel voller Möglichkeiten. Wir schauen vorbei im neuen Restaurant „Maxie Eisen“, es ist voll mit jungen, alten, interessant aussehenden Menschen die sich z.B. leckere Pastrami-Sandwiches schmecken lassen. Dann im „Plank“ von DJ Ata  und im „Livity“ einem grandiosen Mix aus Bar, Bistro und … ernsthaft: Beauty Salon. Neben einer Riesenofenkartoffel mit diversen Beilagen wie Chilli con Carne, Matjes und wer weiß was noch allem gibt es Drinks und Cocktails in allen Regenbogenfarben. Wer sich danach gerne die Nägel  machen lassen möchte oder die Augenbrauen zupfen, der muss das Lokal nicht verlassen, sondern nur den Raum wechseln. Der Besitzer Faruk serviert uns strahlend eins von den bunten Zaubergetränken. Und während ich das süße „Irgendwas“ schlucke setze ich das „Livity“ im Geiste gleich mit auf die „Unbedingt wiederkommen!“-Liste.

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Dann wird’s verrucht, denn wir steuern das „Pik Dame“ an. Das „Pik Dame“ ist ein ganz besonderer Nachtclub und hat viele Gesichter.  Mal Theater, mal eine aus allen Nähten platzende Partylocation und eben auch Strip-Lokal. Schon als ich das erste Mal da war (an einem „normalen“ Partyabend), staunte ich nicht schlecht, dass sich in Frankfurt so ein ungewöhnlicher Ort wie das „Pik Dame“ verbirgt. Eine Kasse wie aus einer anderen Zeit, mit kleinem runden Fensterchen, drinnen rotes Licht, plüschige Sitze und Separees mit roten dicken Vorhängen, zwei etwas abgewetzte Holzpferdchen, die aussehen als wären sie vom Karussell geflohen, um mal was anders zu sehen und dann über Umwege im „Pik Dame“ gelandet. Sie passen einerseits gar nicht und andererseits perfekt in diesen roten Ort. Ein etwas groteskes Bild von einer äußerst korpulenten Nackten ragt im goldenen Rahmen über dem DJ Pult. Die schummrige Bühne wird durch dezente Lichter in allen Farben angeleuchtet. „Joe Le Taxi“ erklingt und eine blonde Frau um die 40, tänzelt ein wenig ungeschickt auf der Bühne und entkleidet sich langsam. Es ist ein merkwürdiges Gefühl ihr dabei zuzusehen. Zum einen vereinnahmt mich die Atmosphäre dieses Ortes völlig. Es ist als wäre ich in der Zeit gereist, als wäre ich plötzlich in einem alten Film Noir, doch der Tanz der Tänzerin hat etwas Trauriges und Irritierendes. Es fällt mir schwer zu glauben, dass ich tatsächlich selbst Teil dieses Szenarios bin. Ich will nicht voreingenommen sein. Was weiß ich von der Geschichte der Tänzerin! Vielleicht liebt sie was sie tut, vielleicht hasst sie es.  Ich kann es nicht sagen. Die Männer an der Bar bekommen auf jeden Fall glänzende Augen als sie ihre großen Brüste entblößt. Dass ihre Maße nicht perfekt sind, wie die der Mädchen in Hip Hop Videos, tut dem überhaupt kein Abbruch. Aber ich muss immer daran denken, wie sich das wohl für sie anfühlt. Demütigend? Wundervoll? Ich weiß es nicht. Ich werde es nie erfahren. Ich applaudiere ihr zu, auch wenn ich mich befremdet fühle. Es nicht zu tun, fände ich schlichtweg gemein.

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Die Nacht geht weiter, es passiert noch viel im Bahnhofsviertel. Tanzende Mädchen, einsame Männer, Crack-Junkies, die ihren Körper verkaufen, gefährlich aussehende Typen, die es mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit auch sind. Allein im riesigen Bordell „Crazy Sexy“, das schon von außen an der Neonbeleuchtung zu erkennen ist, arbeiten 600 Frauen. 600! Ziemlich viel dafür, dass man natürlich niemanden kennt, der dort hingeht. Am Eingang steht „Komm.“ Wir sind sicher nicht gemeint. Schnell weiter.

Das Bahnhofsviertel ist zweifellos eine „sündige Meile.“ Und das ist die harmloseste Art das auszudrücken. Das Viertel ist abstoßend und wegen des internationalen Flairs und einiger grandioser Locations anziehend und großartig zugleich. Eine Welt für sich. Teilweise eine sehr düstere Welt, eine Parallelwelt, aber auch eine im Umbruch und eine die viel mehr zu bieten hat als man meint. Mit schicken Neubauten und schäbigen Bruchbuden und wahren Perlen an Clubs und Bars. Nach dieser Nacht sehe ich das Bahnhofsviertel mit anderen Augen und doch ohne mir eine abschließende Meinung dazu bilden zu können. Meine Gefühle dafür sind so ambivalent wie das Viertel. Die Gegensätze sind einfach zu groß und zu verrückt. Was mir aber nun klar ist: Das Viertel ist oder kann so viel mehr sein als nur „Rotlicht“. Und es lohnt sich absolut sich auf das Abenteuer „Bahnhofsviertel“ einzulassen.