Haruki Murakami: „Samsa in love“

“Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt.” Dies ist ganz sicher einer der besten ersten Sätze der Literaturgeschichte. Als ich vor vielen Jahren Franz Kafkas “Die Verwandlung” in die Hand nahm und die erste Seite der Geschichte aufschlug, erschütterte dieser Satz mich geradezu. Ich las verwirrt, dann bestürzt und irgendwann tief ergriffen und traurig immer weiter. Was für eine unglaubliche und zudem unglaublich gute Story!

Auch der Autor Haruki Murakami muss fasziniert sein von Kafkas berühmtestem Werk. Warum ich das glaube? Nun ja, zum einen bekennt er sich dazu Kafka-Fan zu sein und zum anderen hat er die ebenso düstere wie rätselhafte Geschichte von Gregor Samsa vor kurzem mit einem Augenzwinkern „fortgesetzt”. Der Titel der Kurzgeschichte von der ich spreche, lautet: “Samsa in love”. Murakami hat Gregor Samsas Schicksal nochmal in die Hand genommen, gedreht und kräftig dran gerüttelt und dann auf eine ganz eigene, geradezu heitere, spiegelverkehrte und originelle Weise weitergesponnen. Die Geschichte ist in der aktuellen Ausgabe von “The New Yorker” zu finden, aber zum Glück auch auf der Webseite des Magazins. Zuerst erschien sie im September 2013 in Japan in einem Kurzgeschichtenband.

Der erste Satz von “Samsa in love” lautet: “He woke to discover that he had undergone a metamorphosis and become Gregor Samsa.” Gregor Samsa erwacht nackt in einem schäbigen Zimmer, in dem sich nur noch Bett und eine beschmutzte Matratze befinden. Deren Fenster mit Brettern zugenagelt sind. Er erwacht als Mensch, der nicht weiß was passiert ist und wer er eigentlich ist. Der nicht weiß wer oder was er war bevor er als Gregor Samsa erwachte. Er verlässt den Raum. Das Laufen fällt ihm sehr schwer, erscheint ihm aufgerichtet irgendwie unsinnig. Er durchstreift das leere Haus auf der Suche nach Nahrung. Er isst, dann zieht er sich an. Einen Bademantel. Zu mehr ist er nicht im Stande. Wie zieht man was an und wo knöpft  man was zu? Die Welt ist ein Rätsel und er fragt sich warum er eigentlich nicht als Fisch oder Sonnenblume erwacht ist. Das hätte einiges leichter gemacht. Dann klingelt es an der Tür und davor steht eine junge buckelige Frau, die bestellt wurde um ein kaputtes Zimmertür-Schloss der Samsa Residenz zu reparieren. Samsa findet ihre schwerfällige und gebückte Art sich zu bewegen schlichtweg faszinierend und sehr anziehend …

Ich musste sehr schmunzeln bei “Samsa in love” und es hat mir auf eine sehr schöne Art ein wenig die Wartezeit bis zur ersehnten Veröffentlichung von Murakamis neuem Roman “Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki” im Januar 2014 verkürzt. An alle die sich selbst gern ein Bild von der Geschichte machen wollen, bitte hier zur englischen Fassung klicken: Viel Spaß beim Lesen dieser schönen und skurillen Story! Um den Appetit auf die Geschichte noch weiter anzuregen, hier noch ein letztes Zitat daraus:

”Yet had he been a fish or a sunflower, and not a human being, he might never have experienced this emotion.”

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3 Gedanken zu “Haruki Murakami: „Samsa in love“

  1. Ein besonderer Tipp, den ich sofort auf meine Leseliste setze. Bisher kenne ich von Murakami nur Gefährliche Geliebte, und das Buch habe ich an einem Nachmittag verschlungen.

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