Almost home. Ferien in der eigenen Stadt

Im Film „Der Club der toten Dichter“ ermuntert der Lehrer John „Oh Captain, mein Captain“ Keating in einer Szene seine Schüler auf die Schultische zu steigen, um ihr Klassenzimmer, ihre Welt aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. „Gerade wenn man glaubt, etwas zu wissen, muss man es aus einer anderen Perspektive betrachten, selbst wenn es einem albern vorkommt oder unnötig erscheint. Man muss es versuchen“, sagt er.

Mit dieser Szene im Hinterkopf packte ich an einem schönen Oktober-Wochenende meinen Pyjama in den Koffer und bezog für eine Nacht ein Hotelzimmer im 25hours Hotel by Levi’s in Frankfurt. Das Hotel liegt im Bahnhofsviertel, nicht gerade eine meiner Lieblingsecken in der Stadt und genau deshalb wollte ich diesem Stadtteil eine zweite Chance geben. An der Rezeption wurde ich gefragt, ob ich eine gute Anreise hatte und musste ein wenig Schmunzeln beim Gedanken an die relativ kurze Fahrt mit der U-Bahn. „Ja, super“, antwortete ich nur und blieb ganz stur und albern in meiner „Ich bin hier nur zu Besuch“-Rolle.

IMG_2339

Das Hotel selbst ist wunderbar. Die Einrichtung der Zimmer in jedem Stockwerk stellt eine Hommage an ein bestimmtes Jahrzehnt dar. Ich landete im vierten Stock, also in den 60er Jahren. Die Wände jeansblau, die weißen Lampen rund und an der Wand ein Bild von Janis Joplin, die mir hinter ihrer großen runden Brille zulächelt. „Na bitte!“, dachte ich mir. Und fühlte mich gleich wohl.

Abends hörte ich mir ein bisschen die Band im hoteleigenen Restaurant IMA an. Hier wollte ich schon länger mal hin und habe es, wie man immer so schön sagt, nie geschafft. Es gefällt mir sehr und ich tröste mich wegen die vielleicht leider verpassten Nächte mit „Besser spät, als nie.“ Dann zog es mich raus. Dadurch, dass mein Ausgangspunkt in Frankfurt sich verändert hatte, wirkte sich das ganz selbstverständlich und automatisch auf meine Wege und meine zufälligen Ziele aus. Die Stadt wirkte vertraut und fremd zugleich. Hin und wieder dachte ich: „In dieser Straße war ich noch nie.“ Ich entdecke auf meinem Spaziergang Restaurants oder Bars, die ich noch nicht kannte, die ich aber auf Anhieb interessant fand und auch bahnhofsvierteltypische Orte, die ich auch in dieser Ausnahmenacht nicht näher erkunden wollte. Perspektivenwechsel hin oder her.

Am nächsten Morgen beim Frühstück schnappe ich Gesprächsfetzen von meinen Tischnachbarn auf,  die im schönsten wienerischen Dialekt von ihren nächtlichen Erfahrungen schwärmten. „Das Pik Dame ist ein geiler Club.“ „Ich war im Rockstar, ach nee Rockmarket! Auch super!“ Ihre Begeisterung gefiel mir. Ist Frankfurt wirklich so cool? Na, wenn sie es sagen, dann will ich ihnen das mal glauben. Ich meine natürlich: Ich hab’s schon immer gewusst!

Ich würde immer wieder Ferien in „meiner Stadt“ machen. Und ich weiß natürlich: Um dem vertrauten Wohnort eine neue Facette zu entlocken, muss man nicht zwangsläufig ins Hotel ziehen. Man könnte auch die Wohnung für ein Wochenende mit einer Freundin tauschen oder bewusst seine gewohnten Wege und Lokale hin und wieder verlassen, den Blick auch im Alltag öfter mal auf „scharf“ stellen. Dennoch macht der Einzug in ein Hotel einem den Perspektivenwechsel natürlich leichter. Genauso wie man auf einem Tisch stehend, auch sofort viel schneller begreift was dieser Herr Keating da eigentlich meint. Und jede Menge Spaß kann das natürlich auch machen. Daher: Whatever works.

???????????????????????????????

Haruki Murakami: „Samsa in love“

“Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt.” Dies ist ganz sicher einer der besten ersten Sätze der Literaturgeschichte. Als ich vor vielen Jahren Franz Kafkas “Die Verwandlung” in die Hand nahm und die erste Seite der Geschichte aufschlug, erschütterte dieser Satz mich geradezu. Ich las verwirrt, dann bestürzt und irgendwann tief ergriffen und traurig immer weiter. Was für eine unglaubliche und zudem unglaublich gute Story!

Auch der Autor Haruki Murakami muss fasziniert sein von Kafkas berühmtestem Werk. Warum ich das glaube? Nun ja, zum einen bekennt er sich dazu Kafka-Fan zu sein und zum anderen hat er die ebenso düstere wie rätselhafte Geschichte von Gregor Samsa vor kurzem mit einem Augenzwinkern „fortgesetzt”. Der Titel der Kurzgeschichte von der ich spreche, lautet: “Samsa in love”. Murakami hat Gregor Samsas Schicksal nochmal in die Hand genommen, gedreht und kräftig dran gerüttelt und dann auf eine ganz eigene, geradezu heitere, spiegelverkehrte und originelle Weise weitergesponnen. Die Geschichte ist in der aktuellen Ausgabe von “The New Yorker” zu finden, aber zum Glück auch auf der Webseite des Magazins. Zuerst erschien sie im September 2013 in Japan in einem Kurzgeschichtenband.

Der erste Satz von “Samsa in love” lautet: “He woke to discover that he had undergone a metamorphosis and become Gregor Samsa.” Gregor Samsa erwacht nackt in einem schäbigen Zimmer, in dem sich nur noch Bett und eine beschmutzte Matratze befinden. Deren Fenster mit Brettern zugenagelt sind. Er erwacht als Mensch, der nicht weiß was passiert ist und wer er eigentlich ist. Der nicht weiß wer oder was er war bevor er als Gregor Samsa erwachte. Er verlässt den Raum. Das Laufen fällt ihm sehr schwer, erscheint ihm aufgerichtet irgendwie unsinnig. Er durchstreift das leere Haus auf der Suche nach Nahrung. Er isst, dann zieht er sich an. Einen Bademantel. Zu mehr ist er nicht im Stande. Wie zieht man was an und wo knöpft  man was zu? Die Welt ist ein Rätsel und er fragt sich warum er eigentlich nicht als Fisch oder Sonnenblume erwacht ist. Das hätte einiges leichter gemacht. Dann klingelt es an der Tür und davor steht eine junge buckelige Frau, die bestellt wurde um ein kaputtes Zimmertür-Schloss der Samsa Residenz zu reparieren. Samsa findet ihre schwerfällige und gebückte Art sich zu bewegen schlichtweg faszinierend und sehr anziehend …

Ich musste sehr schmunzeln bei “Samsa in love” und es hat mir auf eine sehr schöne Art ein wenig die Wartezeit bis zur ersehnten Veröffentlichung von Murakamis neuem Roman “Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki” im Januar 2014 verkürzt. An alle die sich selbst gern ein Bild von der Geschichte machen wollen, bitte hier zur englischen Fassung klicken: Viel Spaß beim Lesen dieser schönen und skurillen Story! Um den Appetit auf die Geschichte noch weiter anzuregen, hier noch ein letztes Zitat daraus:

”Yet had he been a fish or a sunflower, and not a human being, he might never have experienced this emotion.”

cropped-img_6249.jpg

Endstation Sehnsucht

Endstation Sehnsucht

„Aber vielleicht ist es ja ohnehin so, dass man sich Städte immer nur ausdenkt. Ich vermute, jeder Besucher, aber auch jeder Bewohner hat seine eigene Vorstellung von der Stadt, in der er gerade lebt. Es geht einfach nicht anders: Städte sind schlicht zu groß, um in ihrer Komplexität und Widersprüchlichkeit je ganz begriffen zu werden – das macht sie ja so attraktiv. Und so wird jeder seine eigene Version, seine eigene Leseart bestätigt finden.“

(Zitat aus „Das große Los“ von Meike Winnemuth)

Frankfurt, Du verliebter Bücherwurm

Bücher

Frankfurt ist verrufen als Stadt der Banker, arm an Reizen. Irgendwie kühl. Nichts für Romantiker, Abenteurer oder Träumer. Quatsch, sage ich zu all diesen Behauptungen!  Ich könnte so viele Eigenarten der Stadt aufführen, die das Klischee durchbrechen und wiederlegen. Heute widme ich mich aber nur diesem einen Argument: Ich freue mich diebisch, das die Scheinwerfer der medialen Welt ausgerechnet dann besonders intensiv auf „Bankfurt“ gerichtet sind, wenn ein so hohes kulturelles Gut wie das Buch gefeiert wird und die alljährliche Frankfurter Buchmesse ihre Pforten öffnet. Was für ein schöner Bruch. Klar, hier geht es auch um Geld, aber in erster Linie geht es immer noch um Literatur. Daran glaube ich. Denn die Stadt vibriert während dieser fünf Tage. Ausnahmezustand. Überall Menschen, die Bücher lieben. Die von einer Lesung zur andern eilen. Sich in der Bahn über neue (und alte) Bücher austauschen, heiß und innig über die frischgekürten Preisträger literarischer Auszeichnungen diskutieren: Literaturnobelpreis, Deutscher Buchpreis, Jugendliteraturpreis.  Du hast dazu Redebedarf? This is the place to be. Die Neuigkeiten überschlagen sich und die Meinungen auch. Von „Verdient!“ bis „Wer ist das denn?!“ über „Das ist doch nix.“ bis hin zu „Was für eine Entdeckung!“ und wer mag auch ganz tiefschlürfenden Diskussionen dazu. Die Bars und Kneipen sind voll und die Gespräche drehen sich immer wieder um Bücher (wenn auch wohlgemerkt nicht nur!). Mit Alkohol wird Abends auch nicht gespart und wer schon immer mal seinen Lieblingsautor treffen wollte, dem sei gesagt: Wenn nicht hier, wo dann? Fünf Tage also paradiesische Zustände für Literaturliebhaber.

Frankfurt, Du alter Bücherwurm. Bist eben doch viel besser als Dein Ruf: ganz funkelnd und aufgeregt und bis über beide Ohren verliebt in die große weite Bücherwelt, die für fünf Tage auf Deiner Couch pennen darf.